Auf der Promenade ging es los. Als mir klar wurde, dass ich diesmal nicht nur das Ziel erreichen, sondern es auch unter der magischen Vierstundengrenze tun würde, war es mit meiner Fassung vorbei.
Hatte ich vor zwei Kilometern noch mit starker Übelkeit gekämpft, die kein Hehl daraus gemacht hatte, sich zur Not auch unkontrolliert Leichterung zu verschaffen, war es jetzt ein anderer, sehr dicker Kloß im Hals, der nach Freiheit schrie.
Unter meiner coolen Sonnen- bzw. Schutzbrille strömte bereits salziges Nass mit schwarzem Mascaragemisch über meine krustigen Wangen, um schließlich im Ziel sämtliche Dämme brechen zu lassen.
Ja, es war alles wir immer und doch so anders. Ich hatte mir – das erste Mal bei einem Lauf – ein dezentes Makeup gegönnt. Quasi als Ersatz für Uhr, Pulsmesser und ipod.
„Mama, heul doch nicht, du hast es geschafft.“
„Frauchen,“ bellte mein Hund , „was ist los, du riechst wunderbar und schmeckst fantastisch, wo ist dein Problem?“
“Schwesterherz, nächstes Jahr laufe ich mit – 3:29,” optimistische Schwester in Zuschauereuphorie.
„Super, Christine, klasse, unter vier und das auch noch so locker!“ lobte der Lieblingsgatte, der dieses Mal nicht sooo lange auf mich warten musste wie gewohnt und selbst eine super Zeit vermelden konnte. War ja auch sein letzter Hermann
Soll man wirklich aufhören, wenn es am vermeintlich schönsten ist? Wir werden sehen.
Ich freue mich! Ich bin glücklich! Und ich bin stolz auf mich. Es ist schön! So schön!
Dabei ist es, ist er, nur ein Lauf. Nichts, was die Welt aus den Angeln hebt. Und doch: Ich habe endlich mein Traumziel erreicht und diesen hammerharten Hermann in 3:46:14 erlaufen.
Und jetzt? Genau das ist merkwürdig: Ruhe! Absolute Ruhe in mir.
So, als hätte ich mit Erreichen meines Zeitzieles auch das natürliche Ende einer Hassliebe eingeläutet.
Kein verhärtetes „Nie wieder, so ein Scheiß“ aber auch kein euphorisches„Auf jeden Fall nächstes Jahr wieder.“
Obwohl ich diesen Lauf allein, aus eigener Kraft laufen musste, wie jeder andere auch – Sänften habe ich auch in diesem Jahr nicht sichten können – bat ich am frühen Sonntagmorgen um Unterstützung.
Ich schickte ein Gebet nach oben mit dem ungefähren Inhalt, dass, wenn es sinnvoll für mich sei, mir doch bitte Stärke und Ausdauer und möglichst auch eine Stütze an die Seite gestellt werden möge.
Doch zunächst war von alledem nichts zu spüren und nichts zu sehen.
Mutterseelenallein unter den 7000 Läufern und Läuferinnen stand ich im Startbereich, wie bei den fünf anderen Starts seit 1998 auch. Alles um mich herum in der Gruppe C grummelte etwas von „3:30“.
Viel zu schnell für mich!
Der Startschuss fiel und ich verfiel in Trimmtrab, den ich schon nach dem ersten kurzen Anstieg, am Beginn der abschüssigen Asphaltstrecke, mit einem stattlichen Mann an meiner Seite teilte. Sein Tempo war okay. Und er strahlte Ruhe und Gelassenheit aus. Ich konnte neben ihm laufen, ohne ins Schnaufen zu geraten.
Schließlich nahm ich all meinen Wagemut zusammen und sprach ihn an.
„3:30“ habe er sich vorgenommen. Es sei sein erster Hermann! Marathonzeiten so um die 4:30. Frankfurt, New York.
Okay, fühlte ich, jetzt oder nie. Bei meinem ersten dachte ich auch, dass 3:30 machbar sein müssten. Aber selbst wenn heute 20 oder gar 25 Minuten drauf kommen, wäre das ja schon der helle Wahnsinn.
Und so wich ich ihm nicht mehr von der Seite. Er mir auch nicht. Nachdem wir die notwendigsten „Dinge“ ausgetauscht hatten, herrschte meistens Schweigen. Tempo, Schrittfolge, stille Übereinstimmung, hin und wieder ein Fingerzeig, welche Gabelung die kraftschonendere ist.
Nach der Panzerbrücke, die im Vergleich zu den Vorjahren an Flair stark verloren hat, weil nicht eine einzige Band oder Sambatruppe uns anpeitschte, gab es eine dezente Ansage von meinem Laufbegleiter, dass wir gut in der Zeit seien. Und dann folge über etliche Kilometer nur stetig intensiver werdende Atmerei.
Kleine, regelmäßige Schritte! Zügiges Gehen an den Bergen! Alle Getränkestationen mitnehmen!
Alles wie immer, alles so ganz anders.
Bis Kilometer 16 war alles gut. „Wie geht’s Dir?“, fragte mein bayrischer Laufengel „Gut, angestrengt, aber gut.“ Ihm ging es ebenso.
Oerlinghausen bebt wie jedes Jahr. Die Stimmung hier ist einfach Spitze. Wir trinken und essen bei dröhnender Schlagermusik und den Anfeuerungsrufen der Menschen, die sich um Würstchenbuden und Bierstände scharen.
Der Tunnel bildet den Abschluss von Partystimmung und stößt die Tür auf zum schwersten Teil des Laufes. Ich nehme noch ein kurzes Duschbad im Wasserregen eines Gartenschlauches und tauche wieder ein in die Stille des Waldes, neben mir immer noch mein Begleiter aus Straubing. Wie ich ein Pädagoge, was er wunderbar unter Beweis stellt. In der Ruhe liegt die Kraft. Auch die pädagogische.
Schopketal, Kilometer 20 und das Wissen um die folgende Anstrengung auf den Lämershagener Treppen in drei Kilometern. Und damit wird der wahre Beginn des Hermannslaufes eingeläutet.
Die Zeitansagen meines temporären Laufreundes sind gefühlte Stunden her. Ich krame mein Handy hervor und blinzelne aufs Display. Kann nicht sein! Super in der Zeit. Kann das sein? Ja. Es kann.
Apropos kann – ich kann eigentlich ab Kilometer 23 nicht mehr. Hier habe ich vor zwei Jahren aufgegeben. Der Gedanke daran sägt an meinen mentalen Drahtseilen. Ohne Erfolg. Diesmal nicht. Sie halten.
Ich nehme Stufe für Stufe für Stufe. Um anschließend im Wechsel zu gehen und wieder das Traben aufzunehmen. Die Steigungen und Geraden sind lang, sehr lang, die leichten Bergabpassagen viel zu kurz. Doch ich laufe.
Mein Laufbegleiter reicht mir die Hand. Ein paar Meter laufen wir gepaart, dann lässt er los. Und ich auch!
„Du schaffst locker unter vier“, orakelt er motivierend und verschwindet.
Ab jetzt bin ich auf mich allein gestellt. Ich habe es genossen, mich das erste Mal überhaupt bei einem Lauf jemandem “hinzugeben”. Das ist eine völlig neue Erfahrung für mich, die einsame Kämpferin!
All die Wellen und Hügel und Steigungen scheinen kein Ende nehmen zu wollen.
Irgendwann bei Kilometer 26 hole ich noch einmal auf bis zu meinem Begleiter, der auf den letzen Kilometern mit seiner Gruppe verschmilzt.
Soweit ich das noch wahrnehmen kann. Ich nehme nämlich nichts mehr wahr. Eigentlich. Keine Landschaft, keine Menschen.
Drei Kilometer vor dem Ziel taucht rechts neben mir ein Mann auf und wir tauschen kurze, gehechelte Informationen aus.
„Wir haben jetzt 3:35 auf der Uhr. Unter vier wäre toll“, sagt er. Ich nicke.
„Ach, ich würde soooo gerne unter vier …“ seufze ich auf dem letzten Loch aber mit voller Inbrunst.
69 Jahre ist er alt, hat schon 28 Marathonläufe gemacht und läuft heute seinen ersten Hermann. „Marathon ist viel einfacher als dieser Lauf hier. Und jetzt, gib Gas, Mädchen, lauf unter Vier.“
Mit einem kurzen Danke an ihn und an “die da oben” laufe ich los.
Ich laufe und laufe und merke, dass mein Magen krampft. Mir wird speiübel.
Jetzt bloß nicht kotzen. Zwei Kilometer sind es noch. Brand’s Busch, Asphalt, leichte Steigung, die sich anfühlt wie der Mount Everest ohne Sauerstoff. Jedenfalls so ähnlich muss es sich wohl anfühlen.
Dann kommt der Anfang der Promenade in mein Blickfeld! Meine Tränenkanäle werden aktiv. Der Rest ist Geschichte.
Und jetzt? Heute, einen Tag danach?
Mir laufen schon wieder die Tränen während des Schreibens und es fängt wieder an, dieses bekloppte Kribbeln. Was soll das? Dieser Lauf ist hammerhart, er tut weh, er fordert volle Konzentration und vollen Einsatz. Warum tut man sich das an? Warum tue ich mir das an?
Weil es nun mal so ist mit einer richtigen, uralten Liebe. Sie verändert sich, sie tut manchmal weh, sie nimmt viel und sie gibt viel und hört nicht so richtig auf. Nein, sie hört einfach nicht auf!
Hermann 2012?
Mit der richtigen Begleitung: JAAA!
Im Ziel wartet außer meiner Familie auch „mein“ LaufEngelBegleiter. Umarmung, Schweißvermischung und das Versprechen, sich zu mailen und den New York Marathon 2014 gemeinsam zu laufen. Er ist dann 65 und ich 50. We will see.
Danke an dieser Stelle an Ludgar für dein „Du willst unter vier? Dann mach! Und verlass dich auf die Uhr zwischen deinen Ohren.“
Und der allerdickste Dank an Peter aus Straubing! Mir fehlen die Worte. Einfach DANKE!
Und natürlich an Willy und Christiane und Silvia und Martin und Carsten und alle, die mir Glück und Erfolg gewünscht haben. Es hat geholfen. Und wie!
Und last but not least: NACH DEM LAUF IST VOR DEM LAUF
Und vielleicht ist ja auch nach dem Hermannslauf vor dem Hermannslauf, gell, Lieblingsgatte
18/04/2011 at 12:41 Permalink
Wow! Mit Sub4 als Zielzeit – 15 Minuten früher ins Ziel zu kommen, ist echt stark.
Wie hattest du letzte Woche mal geschrieben: “Sonntag wird DER Tag!
Ein Krafttag, ein Ausdauertag, ein Glücks-lauf-Tag!” und so war es dann ja auch, oder?
Nochmals Glückwunsch zu deinem SUB4-Hermann
Liebe Grüße
Carsten
18/04/2011 at 14:49 Permalink
Hallo Christine !
kommen dann doch Zweifel auf, sich dieser Tourtour zu stellen.
Glückwunsch, Hut ab….
Vom lesen alleine bekommt man ja schon wahnsinnig Respekt vor Deiner
Leistung und Lust, sich vielleicht dieser Herausforderung mal zu stellen.
Aber als Flachländer,bei dem die Garmin sagt, daß er eigentlich unter dem Meeresspiegel wohnt, der schon beim Anblick einer Autobahnbrücke von Berge spricht
Jedenfalls noch mal Glückwunsch zu Deiner phantastischen Leistung und schönes regenieren.
Liebe Grüße Viola
18/04/2011 at 20:43 Permalink
Fühl Dich arg gedrückt und beglückt …
Danke für das emotionale mitnehmen auf Deinen Lauf *wasimAugehab*
19/04/2011 at 09:28 Permalink
Liebe Christine,
geht doch! (mit der Uhr zwischend den Ohren)
Ich freue mich für Dich.
Ich war auch kurz am Ziel, aber wenn man von der Detmolder Straße hochspaziert, ist das etwas Anderes, als wenn man vom Hermann hergerannt kommt.
Nächstes Jahr will ich auch wieder (und die Couch-Potatoes (sorry), die Deinen Bericht lesen, müßten dann auch wollen…
Gute Erholung (und genieß die Erinnerungen)
Ludger
19/04/2011 at 18:52 Permalink
Liebe Christine,
da wird der Hund in der Pfanne verrückt. Der Laie staunt, der Fachmann wundert sich. Herzl ich gratuliere herzlich zu deiner Laufleistung. Adrelanin, Endophine, Herz- und andere Kräfte waren bei Dir. SupiKlasseToll was Du Laufwunder geschafft hast. Gratulation. Gute Regeneration und lass Dich feiern!!
19/04/2011 at 19:58 Permalink
Hallo Christine,
es hat mir sooo viel Spaß und Freude bereitet, Deinen Artikel zu lesen und quasi den Hermann in Gedanken mitgelaufen zu sein!
Ich gratuliere Dir ganz herzlich zu Deiner tollen Leistung und freu mich für Deine tollen Erfahrungen!
Liebe Grüsse,
Wolfgang
20/04/2011 at 09:16 Permalink
Schöne Geschichte, sehr emotional, ist es nicht (fast) mit das Schönste, was uns bei diesen Läufen passieren kann ? Das Glück, sich selbst und die Strecke besiegt zu haben, fertig im Ziel einzulaufen und sagen zu können: Ich habe es geschafft, ihn geschafft, den geliebten/ungeliebten Hermann !
Glückwunsch !
20/04/2011 at 14:38 Permalink
@Carsten, Viola, Julia, Ludger, Wolfgang, Willy und Margitta.
Danke euch! Ihr alle lauft und wisst daher sehr genau, “wie es läuft” und vor allem auch “wie es laufen kann”.
Margitta, du alte Häsin, du hattest ja ziemlich zeitgleich ganz andere Distanzen und “Übelkeiten” zu bewältigen.
Doch immer gilt, es ist freiwillig, was wir tun!
Es gehört zu unserem Leben, das Laufen, ist Hobby oder sogar Leidenschaft oder von beidem ein bißchen.
Und klar, ich freue mich immer noch sehr über meinen kleinen persönlichen Erfolg! Und diese Freude, diese ungebremste
Emotionalität, die wünsche ich euch auch. Über die Ostertage und weit darüber hinaus!
21/04/2011 at 08:22 Permalink
Klasse Bericht Christine, und eine noch viel schönere Beschreibung. Sehr emotional, man glaubt wirklich man läuft mit!
Und, herzlichen Glückwunsch zu deiner tollen Leistung, sub4 ist dort nicht leicht!
Frohe Ostern und eine schöne “Auszeit” wünscht dir von Herzen,
Steffen
21/04/2011 at 09:23 Permalink
Wie schön! Hat richtig Spaß gemacht, das Lesen.
Scheint ja ein richtig intensives, nachhaltiges und letztlich auch schönes Erlebnis gewesen zu sein. Und die Zeit ist toll! Kannst stolz auf dich sein!
LG
Jörg