Liebeslauf

Vollkommen aufgelöst stand ich da und hielt mich an meinem Regenschirm fest, bemüht, mir nichts anmerken zu lassen, denn das, was ich empfand, kam mir sehr lächerlich  vor. Ich fühlte mich wie frisch verliebt und konnte mir nicht erklären, warum das so war.

Der kalte Dauerregen und die körperliche und mentale Anstrengung hatten deutliche Spuren in die Gesichter gezeichnet. Manche Köpfe waren tomatenrot, andere beängstigend blass. Viele blickten konzentriert in Richtung Ziel und schienen die applaudierende Menge gar nicht wahrzunehmen. Manche lächelten, einige winkten fröhlich in die Menge.
Alle waren schlammbespritzt von den Füßen aufwärts und ich stand da und heulte vor Ergriffenheit.
Warum läuft ein vernünftiger, nein, laufen tausende vernünftiger Menschen bei Regen und Kälte mehr als dreißig Kilometer über die matschigen Berge und durch die schlammigen Täler des Teutoburger Waldes?
Vor ein paar Stunden hatte ich versucht, meinen Mann mit Engelszungen zu überreden, bei diesem Wetter nicht an den Start zu gehen. Er hatte mich angesehen, als hätte ich ihm vorgeschlagen, unser Haus an Bedürftige zu verschenken, bedachte mich dennoch mit einem flüchtigen Kuss und verschwand, um sich auf ein in meinen Schönwetter-Jogger- Augen hoch gefährliches Abenteuer einzulassen.

Seit einer Stunde sah ich nun zu, wie Läufer und Läuferinnen, Bezwinger des Hermannsweges, ihrem Ziel entgegen strömten. Das anfängliche Kribbeln in meinen Füßen war  zu einem warmen Strömen angeschwollen, zu einem Fluss, der sich durch meinen Körper schlängelte und sich in der Herzgegend sammelte.
Ich vergaß alles um mich herum und konnte nur noch einen Gedanken denken: Ja, ich will!  Ich will diesen Lauf auch laufen!
Ein Jahr später stand ich am Start. Wieder hatte ich Tränen in den Augen und das Herz schlug mir vor Aufregung bis zum Hals. Bis hierher war ich gekommen. Bis zum Start hatte ich es geschafft. Viele Trainingskilometer, wie sich zeigen würde nicht genug, hatte ich in den Beinen. Der Kopf strotzte vor Zielsicherheit und mein Herz floss über vor Zuversicht.
Manchmal ist es ein Segen nicht zu wissen, was einen erwartet.

Eine Distanz von über 30 Kilometern über Berge und durch Täler zu laufen und sich weder von Wind noch Regen noch Schnee oder Sonne beeindrucken zu lassen,  ist in den Augen der meisten Menschen eine besondere Leistung.
Für jemanden wie mich war es der Wiedereinstieg in einen Sport, der viel mehr ist.
Nach etlichen Laufjahren bin ich heute an  einem Punkt angekommen, wo Leistung im Sinne von guten Zeiten kaum noch eine Rolle spielt und wohl auch zu keiner Zeit eine Rolle spielte.
Bis zu dieser Erkenntnis war es ein weiter Weg!


Es gibt viele Arten zu laufen. Und es gibt viele Arten zu leben. Für einen Ultraläufer, der einhundert und mehr Kilometer am Stück „reißt“, sind dreißig Kilometer ein Katzensprung. Kein Läufer gleicht dem anderen, so wie kein Mensch mit dem anderen identisch ist.
Und doch gibt es etwas, das für das Laufen und für das Leben gleichermaßen wichtig ist. Die Liebe! Ohne sie läuft es nicht und ohne sie gibt es kein Leben.

Der Hermannslauf ist inzwischen zu meinem hassgeliebten Lauf geworden, der mich jedes Jahr aufs Neue reizt, von dem ich mich immer wieder herausfordern lassen. Obwohl ich weiß, dass ich auch einen Marathon bewältigen kann, ist der Hermann immer noch der große, mystische Verführer. Unkalkulierbar, unbestechlich, stoisch.

Die Landschaft, durch die er führt ist nicht meine Heimat und doch fühle ich mich mit diesem Wald verbunden, beinahe aufgehoben und geborgen.
Die Strecke ist alles andere als einfach. Sie ist sandig, hart, rutschig, holprig, steil.
Das Wetter, das am letzten Sonntag im April herrschen kann, ist unkalkulierbar.

Jeder Läufer und jede Läuferin hat ihren „Hermann“.
So wie jeder Mensch sein Leben hat.

Ich erreichte die Ziellinie, damals 1998, und war glücklich! Dieser erste Hermann liegt jetzt dreizehn Jahre zurück. Die Fragen sind geblieben:
Wie kann jemand glücklich sein, der so erschöpft ist? Jemand, dem jeder Muskel weh tut? Jemand, der sich auf den letzten fünf Kilometern nur noch schleppend über jeden verdammten Zentimeter  schleicht? Wie kann man glücklich sein angesichts einer Zeit von vier Stunden, wo andere doch nur drei oder zwei oder noch weniger benötigen?
Ich war glücklich. Und ich bin es nach jedem Lauf, den ich mache!

Das Laufen ist wie das Leben. Und das Laufen ist vor allem eins: Liebe!

Laufen setzt viel mehr Energie frei als es erfordert. Langes, langsames, individuelles Laufen geschieht ab einem bestimmten Zeitpunkt aus der Mitte. Das Herz strahlt! Eine gelöste Heiterkeit setzt ein.

Ich bin weit davon entfernt, das Laufen zu glorifizieren oder Nichtläufer zu missionieren.  Und doch meine ich, dass jeder etwas haben sollte, dass ihn am Laufen hält und bewegt, denn etwas das bewegt, ermöglicht Liebe. Nichts Neues! Alles, was wir brauchen wissen und spüren wir schon sehr lange.

„Nun ist gewiß, dass zur Heiterkeit nichts weniger beiträgt als die äußern Glücksumstände und nicht mehr als die Gesundheit. Daher sollen wir diese allem andern vorsetzen, und zwar bestrebt sein, den hohen Grad vollkommener Gesundheit zu erhalten, dessen Blüte die Heiterkeit ist: dessen Erlangung erfordert Vermeidung aller Ausschweifungen, auch aller heftigen oder unangenehmen Gemütsbewegungen; auch aller großen fortgesetzten Geistesanstrengungen, endlich täglich wenigstens zwei Stunden rascher Bewegung in freier Luft.“
Arthur Schopenhauer

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Laufen, Liebe

8 Comments on "Liebeslauf"

  1. Ludger
    01/03/2011 at 16:32 Permalink

    Hallo Christine,

    was soll ich schreiben?

    Ja, so isses!

    1997 und 1998 habe ich gefunden in meinem Laufbuch; beide Jahre waren tatsächlich nichts, um damit anzufangen.

    Bei mir ging es 1992 los, und es ist immer noch jedes Jahr ein Abenteuer; und es war immer bitter, aus guten Grunden zwischendurch mal nicht zu anzutreten.

    Wir sehen uns am 17. April, am Start und im Ziel!

    Herzlich

    Ludger

  2. Ideenlese
    01/03/2011 at 17:33 Permalink

    Ist gut. So machen wir es!
    Und die “guten Gründe” eines DNS mögen bleiben wo sie sind: weit weg!

  3. Martin
    01/03/2011 at 22:14 Permalink

    Dein Eintrag -die beste Werbung fürs Laufen !
    Und sollte nächstes Jahr mal nicht dazwischen kommen (Strongmanrun oder irgendwelche Konfirmationen) werd ich den Hermann laufen!

  4. Willy
    01/03/2011 at 22:37 Permalink

    Tja, so isses – ohne Worte – umwerfend – einfach schööööööööönn. Der Hermann reizt mich immer noch – ich lauf ihn erst wieder, wenn ich sicher bin ihn zu schaffen und im Ziel lächelnd, zufrieden ohne Schmerzen einlaufe.

  5. Conschtanz
    02/03/2011 at 10:35 Permalink

    …also wir sehen uns nicht am Start, aber im Ziel kannst du dir meiner gewiss sein! :-)

  6. Ideenlese
    03/03/2011 at 17:43 Permalink

    @Martin
    Einmal Hermann, immer wieder Hermann!
    Andererseits bist du als Pfälzerwaldläufer ja ohnehin landschaftlich Wunderbares gewohnt …

  7. Ideenlese
    03/03/2011 at 17:46 Permalink

    @Willy
    … und nächstes Jahr ist wieder ein Hermannslauf … und der Willy läuft und läuft und läuft …
    lächelnd und mit heiterem Herzen ins Ziel! Ich sehe es bereits vor mir.
    Also ich sehe dich vor mir herlaufen ;-)

  8. Ideenlese
    03/03/2011 at 17:46 Permalink

    @Conschtanz
    Das ist schön!

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