New York, New York!

Blick aus unserem Hotelfenster

Das also ist New York! DAS New York. Die Landebahn liegt nass vom Regen unter uns. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis der Airbus seine endgültige Parkposition eingenommen hat.

Ich hänge noch irgendwo über Neufundland. Diese zerklüftete Landschaft hat es mir angetan. Menschenleere Weite. Unzählige Seen und Krater. Trotzige Natur in sturer Schönheit. Die Erde. Unsere Erde. Jedenfalls ein Stück davon. Die andere Seite des Planeten wie in Stein gemeißelt.

In der Gepäckhalle spüre ich das erste Mal, dass etwas anders ist als ich es von Reisen innerhalb Europas kenne. Handy- und Kameraverbot im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Sicherheitsbeamte die keine Zweifel an ihrer Autorität aufkommen lassen. Körperhaltungen, die Macht und Bereitschaft zum Handeln ausstrahlen. Klarheit und Stärke. Ganz unmissverständlich.
Ich straffe mich.
Mir klopft das Herz bis zum Hals. Vortreten, den Pass vorlegen. Blick in die Kamera, Fingerabdrücke …
Und dann sind wir durch. So schnell? Kann das sein? Wir sind in Amerika. In den Vereinigten Staaten.

Airtrain und Subway schleusen uns in Richtung Manhattan. Jamaica Station, die schnelle E-Linie, Queens Plaza. Verbraucht und müde wirkende Vorstädte im Nieselregen, Rushhour. Das ist New York?

Im U-Bahn-Schacht ist es stickig und laut. Die Koffer sind schwer und passen nicht durch die Schranke. Eine junge Frau öffnet uns ohne Worte den Notausgang. Ein Lächeln.

 Mir tun die Schultern weh vom Kofferschleppen. Ich habe Durst. Mir ist warm. Die verbrauchte Luft macht mich schwindelig. Ganz schön anstrengend, dieses New York. Jetzt schon?

Noch eine Treppe, Menschen, die an mir vorbei rennen. Das kenne ich doch irgendwie unter anderen Rahmenbedingungen.
Mein linker Fuß erinnert mich daran, dass ich vor zwei Tagen 18 Kilometer durch den Teuto gelaufen bin. Berge! Täler! 2 Stunden und 2 Minuten. Der letzte Wettkampf in diesem Jahr. Und danach: Achillesschmerzen! Sie werden mich noch einige Tage begleiten und wieder aufflammen, wenn wir unsere Runde durch den Central Park drehen.

Jetzt sind es nur noch ein paar Schritte. Raus aus den Katakomben und endlich frische Luft atmen. Das Atmen, das kurz darauf durch ein Bild ins Stocken gerät, das mich fast von den Beinen reißt.
Wolkenkratzer!
Sie recken sich dem grauen Spätnachmittagshimmel entgegen. Unbeeindruckt von allem, was um sie herum geschieht. Der Regen tropft mir in den offen stehenden Mund.

Ein livrierter Portier öffnet uns die Hoteltür. Ein anderer reinigt den blauen Teppich in der Lobby. Er wird dies auch in den nächsten vier Tagen tun. Es ist sein Job.
Unser Zimmer liegt im 21. Stock. „Der Kratzer wackelt“, sage ich zu meinem Mann. „Muss er auch, sonst bricht er durch,“ antwortet mein Mann in gelassener Metropolenmanier.

5th Avenue, gelbe Taxis, die New York-Sirenen, die ich aus amerikanischen Filmen kenne. Strechlimousinen. Menschen in Abendgarderobe rauschen an uns vorbei.
Es gibt sie wirklich, die Damen aus der Welt von „Sex and the City“. Ganz dicht teilen sie sich den Asphalt mit mir und meinen Joggingschuhen.
„Hey dear, “ grüßt mich der Verkäufer, bei dem ich eine Wasserflasche ordere.

Wie im Film! Nur, dass es real ist.
Wir suchen Mc Donalds. Keine Spur! Schließlich finden wir es. Unscheinbar im Licht der Straßenschluchten fügt es sich bescheiden ein.
Zuhause ist es jetzt hab zwei morgens. Ein Burger im Neonlicht, ein Blick in die Gesichter der Menschen, die aussehen wie wir, essen wie wir, leben wie wir – und doch so ganz anders sind.

Diamanten, Designer, Glanz, Flair. Die „Fünfte“ und ihre Gesichter. Auf der anderen Straßenseite richten sich die ein, denen nichts anderes übrig bleibt in dieser und wohl auch in den nächsten und übernächsten Nächten. Hütten aus Pappe und Plastikfolien vor dem Kircheneingang. Wer Glück hat, besitzt eine warme Decke.
Morgen Früh werden sie verschwunden sein, als wären sie niemals dort gewesen.

Nach 18 Stunden fallen wir in unsere weichen Hotelkissen. Es sind vier für jeden von uns!

„We are delighted to welcome you to The Helmsley Park Lane. It is our hope that this will be one of many more visits in our hotel, whether for business or leisure, and we look forward to getting to know you.”

Am nächsten Morgen um halb sieben sind wir putzmunter. Die Nacht war ruhig. Aber wir sind doch in New York? Kann das sein? Unser Zimmer liegt zum „Innenhof“. Irgendwo ganz unten ist eine kleine Grünanlage zu sehen. Gegenüber Wolkenkratzer! Hohe, mittlere und kleine. Wie klein ist ein kleiner Wolkenkratzer?

Der apple-Store hat rund um die Uhr geöffnet. Von hier sende ich über einen der iPads eine Email-Nachricht nach Hause. Wir frühstücken im Europa-Café. Kaffee und Orangensaft sind genießbar. Das dänische „Brötchen“ ist für unsere Zungen eine ganz neue Erfahrung in Sachen Süße.
Auf dem Weg zum Time Square  treffen wir Deutsche aus Bremen. Ich will eigentlich jetzt keine Landsleute treffen. Ich will mich hineingleiten lassen in dieses schnelle Fließen, die Hektik, in den Slang einer Sprache von der ich meinte, sie einigermaßen zu verstehen und sprechen zu können und immer wieder eines Besseren belehrt werde.
New York schläft nicht. Stimmt. Doch es reduziert für ein paar Stunden das Tempo und dimmt das Licht. Der New Yorker spricht nicht. Er nuschelt. Jedenfalls für unsere Ohren.

Im Memorial Center am Ground Zero halte ich es nicht lange aus. Die Erinnerungen an den Terroranschlag auf das World Trade Center steigen in mir hoch. Auch die anderen internationalen Besucher sind still und in sich gekehrt. Filme, Bilder, Erfahrungsberichte in würdevollem Ambiente.

Wir sind ganz nah. Diese riesige Baustelle spricht. Sie gestikuliert. Power! Stolz! Yes, we can!

Das kleine Café in unmittelbarer Nähe gibt es schon lange. Hier haben Menschen gesessen und das Unfassbare mit angesehen. Von hier sind sie auf die Straße gelaufen um hilflos auszuharren.

Fotografieren? Hier? Nein. Unmöglich. Für mich unmöglich.
Vielleicht komme ich eines Tages weder und bestaune und fotografiere die neuen Türme! Jetzt scheint es mir noch zu früh zu sein.

Die New Yorkerin trägt Gummistiefel! Jedenfalls diejenige, die modisch auf dem neuesten Stand sein will. Nein, es sind nicht irgendwelche Gummistiefel, es sind die von angesagten Schuhdesignern entworfenen. Und doch unterscheiden sie sich weder in Form noch in den Farben von denen, die ich auf der Terrasse stehen habe, damit sie meine Füße vor der schweren Gartenerde schützen … Der Trend vom Lande ist schon vor uns angekommen!

Rund um die fünfte Avenue nehme ich einen Duft wahr von Zitronengras und frischen Blüten. Es duftet nach Karriere, Business, Arroganz. Es ist der Duft derer, die es geschafft haben oder bald schaffen werden.
In der achten Avenue riecht es ganz anders.

Demnächst: Vom Time Square bis Grand Central Station

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13 Comments on "New York, New York!"

  1. Heike
    28/10/2010 at 17:02 Permalink

    Schön zu lesen. Bei uns ist es gerade 1 Jahr her das wir dort waren. Es war mein erster Amerika Trip. Ich bin wieder dort ,wenn ich deine Erzählung lese und erwarte ganz gespannt die nächste Folge :-)

  2. ultraistgut
    28/10/2010 at 17:09 Permalink

    Ich war noch niemals in New York…….

    Und darum kommt dein lebhafter Bericht gerade zur richtigen Zeit – man muss es wohl erlebt haben !

    Bist du nun zu Hause oder noch unterwegs ? :?:

  3. SilberLäufer
    28/10/2010 at 17:50 Permalink

    Auf den Tag genau ein Jahr ist es jetzt her, dass ich nach New York geflogen bin, um ein paar Tage später den NYC-Marathon zu absolvieren. Ich denke gerade jetzt mit Wehmut daran, was ich in diesen wenigen Tagen alles erlebt habe und habe daher gedanklich deine Wege verfolgt und dich auch ins “Europa-Cafe” begleitet. Eines der wenigen Kaffe-Häuser in denen man essbares frühstücken konnte.

    Du bist ein begabte Schreiberin, die ja schon so manches publiziert hat. Aufgrund deiner Gabe zu schreiben ist man auch mitten drinnen im Geschehen. Ich freue mich nicht nur deshalb auf die Fortsetzung …!

  4. Martin
    29/10/2010 at 07:07 Permalink

    Leider kann ich nur mit Neufundland dienen (Bundeswehr) den Rest kann ich nun aber dank deinem wirklich hinreißendem Bericht nun wenigstens im Geiste besuchen. Bitte weitere Berichte !

  5. Martin
    29/10/2010 at 08:00 Permalink

    Hallo Christine,

    es ist toll, diesen Artikel zu lesen und dabei festzustellen, dass du genau die gleichen Eindrücke erhalten hast wie ich im letzten Jahr bei meinem USA Besuch.

    Die Art wie du es beschreibst lässt mich fühlen vor Ort zu sein. Hätte mir jemand diesen Eintrag vorgelesen während ich mit geschlossenen Augen daran denken würde, es wäre doch fast real gewesen.

    Ich bin gespannt auf deinen nächsten Artikel.

    Bis dahin,

    M

  6. Ramona
    29/10/2010 at 09:41 Permalink

    Irgendwie bin ich mir nicht sicher, wo Du jetzt eigentlich bist. Aber, ich denke, immer noch in New York, oder? Nächste Woche ist es ja soweit. Der große Marathon.
    Danke für Deinen anschaulichen Bericht. Auch ich war noch niemals in New York und komme sicher auch nie dort hin (es ist nicht gerade mein Traumziel), um so mehr freue ich mich, dass Du hier darüber schreibst!
    Liebe Grüße und alles Gute!
    Ramona

  7. Christine
    29/10/2010 at 12:44 Permalink

    Hallo liebe Ramona!
    Sage niemals nie.
    Auch für mich war New York und überhaupt die USA über viele Jahre überhaupt kein Ziel! Eher im Gegenteil.
    Nach unserer fantastischen Reise bin ich jedoch sowas von dankbar, dort gewesen zu sein.
    Dir ein schönes Wochenende und liebe Grüße!

  8. Christine
    29/10/2010 at 12:46 Permalink

    Lieber Martin,

    für mich ist es ebenso schön, diese Erfahrung teilen zu können mit denen, die ebenfalls in den USA waren.
    Und ich weiß schon jetzt, dass es nicht bei dieser einen Erfahrung bleiben wird.
    Bis bald und Danke fürs Lesen,
    Christine

  9. Christine
    29/10/2010 at 12:48 Permalink

    Lieber Martin Pfälzerwald,

    Machen. Wenn es irgendwie geht, schnapp dir deine Pia und auf geht’s.
    Und bei Fragen zur Reise kannst du dich gerne an mich richten ;-)

  10. Christine
    29/10/2010 at 12:49 Permalink

    Lieber Reinhard,

    wir sind ziemlich schnell auf Obstfrühstück umgestiegen. Die Steigerung von Geschmacklosigkeit war dann später noch Kaffee, der nach Chlor schmeckte. Manche Regionen schütten Chlor in ihr Wasser und kochen eben auch damit … super.

    Liebe Grüße ins winterliche Ö.

  11. Christine
    29/10/2010 at 12:50 Permalink

    Ja. liebe Margitta,
    man muss die Dinge selbst erleben. Nur da, wo man zu Fuß war, war man wirklich.
    Beste Grüße!

  12. Christine
    29/10/2010 at 12:51 Permalink

    Liebe Heike,

    das freut mich, dass du wieder dort bist!
    Ich glaube, diese Stadt vergißt man nie mehr, wenn man mal dort war.
    Und das Land auch nicht.
    Ein schönes Wochenende!

  13. Wolfgang
    02/11/2010 at 20:42 Permalink

    Es ist schön, dich in Gedanken durch die Strassen New Yorks zu begleiten…

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