I will survive. Phase III

by Christine

Foto: Foto Team Müller, run and roll Bielefeld, 12. Sept. 10

Ein Mann mit einem Hammer oder ähnlichem Gerät war weit und breit nicht zu entdecken. Ich sah mich um, suchte, denn schließlich hatten mir Läufer, die schon etliche Male die bezaubernde Distanz bewältigt hatten, die schauerlichen Hammermanngeschichten ausführlich und warnend geschildert.
Ich schüttelte den Kopf, verzog arrogant die Mundwinkel, brabbelte etwas wie “typisch, diese Wichtigtuer” und schlurfte ungehindert von irgendwelchen Werkzeugattacken weiter vor mich hin.
Das Schild mit dem Versprechen, dass ich jetzt 32 Kilometer gelaufen sei, kam in Sicht. Obwohl ich weder in der Lage war klar zu sehen, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen, realisierte ich, dass ich in einer guten Stunden eigentlich im Ziel sein müsste. Eigentlich.
Noch zehn Kilometer. Also eine gute Stunde. So jedenfalls dachte ich Greenhorn, straffte die Schultern, schüttelte die Arme aus und lief einfach weiter wie bisher. Dachte ich.

Für die nächsten drei Kilometer brauchte ich fast 30 Minuten.

Er arbeitet nicht mit dem Hammer. Und er arbeitet auch nicht allein.
Gemeinsam mit seinen Helfern zog er einen Kreis um mich. Es wurde immer enger um mich herum und in mir drin. Meine Knie wurden weich und mein Magen fing an zu rumoren.
Er ist ein Betäuber, ein Giftspritzer.
Mitten hinein in meine zunehmende Notlage gellte plötzlich ein Schrei. ” Hau ab, du Arschloch! Verzieh dich. Du bist das Allerletzte, du bist ein jämmerlicher, kleiner Wurm.”
Erst als mich ein Mitläufer freundlich ansprach und mich leicht am Arm berührte merkte ich, dass ich so gebrüllt hatte.
“Was raus muss, muss raus,” sagte der nette Typ neben mir. “Komm, wir laufen noch ein bißchen.”
Wie ich es schaffte, die Rheinbrücke zu erreichen, weiß ich nicht mehr. Es war nicht mehr mein Körper, der die letzten zweieinhalb Kilometer Richtung Ziel lief.
Als das Schild mit der 40 schemenhaft auftauche war in mir nur noch pure, wunde Emotion. Ich nahm meine ganze Restkraft zusammen, um nicht loszuheulen, denn dann wäre der Marathon bei Kilometer 40 für mich vorbei gewesen.

Da war so viel Stolz. Ich glaube, ich habe das erste Mal überhaupt Stolz für mich selbst gespürt.  Die Erschöpfung  ließ Platz für die Überraschung, selbst so eine Leistung bringen zu können.  Ich war weich wie Butter, mein Herz offen wie ein Scheunentor zur Erntezeit. Dieses Gefühl tiefster Freude ist einfach unglaublich.

Bloß jetzt nicht heulen!
Ich wusste, dass mein Mann mich nicht im Ziel erwarten würde. Wir hatten verabredet, uns im Hotel zu treffen. Er war seit mindestens 40 Minuten im Ziel.
 Bei dem Gedanken, dass mich niemand erwarten würde, nahm die “Heultendenz” rapide zu. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, fix und fertig, fast blind vor Erschöpfung und gebadet in Glückseligkeit! Merkwürdige Mischung.

Und dann kam sie mir entgegen. Meine kleine Schwester!
Ihren Halbmarathon musste sie schon vor Stunden beendet haben. Ich war davon ausgegangen, dass ich auch sie im Hotel treffe.
Sie lief mit mir bis ins Ziel und mir liefen die Tränen. Unaufhaltsam. Ich schluchzte weil es einfach so schrecklich und so wunderschön war.
Später erzählte sie mir, ich hätte immer nur gesagt: “Nie wieder. Nie wieder laufe ich Marathon.”

Nach 5 Stunden und 7 Minuten hatte ich meinen ersten Marathon bewältigt.
Schon auf dem Weg zum Hotel nahm ich mir vor, den nächsten auf jeden Fall unter 5 zu laufen.

Da wußte ich natürlich noch nicht, dass ich ein Jahr später kurz vor Erreichen des Brandenburger Tores geschlagene 10 Minuten auf einem “Stillen Örtchen” mit Magenkrämpfen und sonstigem Gedöns verbringen würde.

Was blieb und nicht an Präsenz verlor,  ist eine innere Kraft,Vertrauen in mich selbst und eine Spur von Gelassenheit.
Und: Nach dem Lauf ist vor dem Lauf! Immer wieder. Leben spüren pur. Möglichst bis zum allerletzten Lauf!

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Tags: Laufen Liebe

12 Comments to “I will survive. Phase III”

  1. Danke, lieber Martin!
    Das wünsche ich dir auch!
    Was macht die Verletzung?

    LG, Christine

  2. Du brachtest auf den Punkt, was viele von uns erleben durften. Zum Vergleich zum Kinderkriegen kann ich eher weniger beitragen , glaube aber dass es für mich leichter war :-)
    Ich wünsche dir einfach,dass du noch viele solche Momente erleben wirst!

  3. Lieber Ralph,
    es ist vergleichbar mit dem Kinderkriegen. Das ist genauso ein Hammer ;-)
    Und ebenso mit gewaltigen Emotions- und Schmerzwellen verbunden.
    Ich sags ja immer wieder: Laufen ist Leben!
    Beste Grüße,
    Christine

  4. Hallo liebe Sabine,
    es freut mich besonders, dass du auf Ideenlese kommentierst.
    Wie geht es dir?
    Der beschriebene Marathon liegt inzwischen zwei Jahre zurück. Es war Köln 2008!
    Berlin im letzten Jahr dann die komplette Katastrophe ;-)
    Danke trotzdem für deine Glückwünsche!
    Ja, dir auch alles Liebe, Christine

  5. Lieber Steffen,
    das Leben ist ein Lauf. Die Distanz können wir wenig selbst beeinflussen.
    Umso schöner, dass wir als Läufer genau diese Möglichkeiten haben.

    Dir auch eine schöne Woche und beste Grüße auch an Melanie, bitte.
    Christine

  6. Liebe Ariana,
    danke für deinen Besuch auf Ideenlese.
    Inzwischen habe ích einen Gegenbesuch gestartet und bin beeindruckt.
    Sehr schöne, informative, sportliche Seite, sexy Fotos. Sehr schön!
    Jedes selbst gesteckte Ziel zu erreichen macht Spaß!
    Vielleicht sogar dann am meisten, wenn man ein bisschen und sogar etwas mehr
    kämpfen musste.
    Liebe Grüße, Chrisitine

  7. Lieber Wolfgang,
    ich wünsche dir von Herzen, dass das Laufen schöne, entspannte, liebevolle Gefühle in dir auslöst.
    Es ist vollkommen egal, ob dies bei einem Halbmarathon oder Marathon geschieht.
    Man muss nicht zwingend so eine Distanz laufen – finde ich.
    Meine Lieblingsdistanzen pendeln sich zwischen 15 und 25 Kilometer ein.
    Und wenn ich ganz normal, nur mit mir allein durch “meinen Hügelwald” laufe,
    dann erlebe ich ebenso schöne Momente. Pures Glück zuweilen, tiefe Dankbarkeit.
    Heute war ich z.B. sehr traurig, habe mir die Hündin geschnappt und bin knapp 2 Stunden
    schnell durch den Wald gewandert.
    Es geht mir jetzt erheblich besser!
    Also: Marathon und Co. sind wunderbare Herausforderungen… aber nicht Garant für den
    ultimativen Kick.
    Liebe Grüße nach Wien, Christine

  8. Wunderbar geschrieben! Ja, so fühlt sich der erste Marathon an.
    Auf meinem ersten M. traf ich zum Glück nicht diesen fiesen Gesellen, den lernte ich erst bei meinem dritten kennen. Dort aber richtig.
    Aber die Emotionen sind beim Erstling am gewaltigsten.
    lG
    Ralph

  9. Ein Marathondebüt! Wie toll!
    Herzlichen Glückwunsch, Christine!
    Diese Zeit würde mir auch vorschweben, wenn ich denn könnte…

    Super, dass du dich durchgebissen hast. War sicher kein Zuckerschlecken. Was ging dir wohl alles durch den Kopf? Nun, ich kann es mir fast denken.

    Ich glaube dir gerne, dass du aus dieser Erfahrung gestärkt herausgekommen bist.

    Alles Liebe, Sabine

  10. “Nach dem Lauf ist vor dem Lauf! Immer wieder. Leben spüren pur. Möglichst bis zum allerletzten Lauf!” – Komisch, das und vieles mehr kommt mir irgendwie sehr bekannt vor. Allerdings haben sich die Distanzen geringfügig verschoben und ich gehe mittlerweile ganz anders mit solchen Schwächephasen um.

    Liebe Christine, schön geschrieben – und soooo wahr!!

    Ich wünsche dir eine schöne Woche,
    Steffen

  11. Einfach nur genial geschrieben – ich konnte richtig mitfiebern, mitleiden und mich am Schluss mit dir freuen :-) Dass du tatsächlich laut geschrien hast, hat mich dennoch ziemlich amüsiert – aber süss wie der andere reagiert hat :-)

  12. Liebe Christine,

    sollte ich jemals einen Halb- oder Marathon laufen, hoffe ich, auf den letzten Kilometern auch diese Emotionen spüren zu dürfen…

    Liebe Grüsse aus Wien,
    Wolfgang

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