Das leere Blatt, das zum neuen Buchprojekt gehört, liegt vor mir, der Bleistift in meiner Hand wippt ungeduldig hin und her. Ich tue so, als würde ich ihn nicht bemerken und schaue aus dem Fenster meines Arbeitszimmers. Es regnet.
“Es wird Herbst,” flüstert mir die graue Maus meines Unterbewußtseinschores zu.
Es wird Herbst?
“Du hast sie wohl nicht mehr alle,” sage ich laut . Sofort behelligt mich der Gedanke, einen Sprung in der Schüssel zu haben. Selbstgespräche sind der Anfang vom Ende.
Meine Laufklamotten habe ich mir gleich heute Morgen angezogen. Naja, Morgen ist übertrieben. Ich kam einfach nicht aus den Federn. Das Lesen der Zeitungen zog sich in die Länge, begleitet von drei Tassen Kaffee und zwei Knäckebroten.
Die Hündin schaut mich wissend an und ich kann ihre Gedanken lesen. Ja, Hunde denken! Meine Hündin jedenfalls.
Sie denkt: “Mit der ist heute nichts los. Die hat wieder Daddeltag.”
Ich mache ihr die Tür zum Garten auf und sie verschwindet, erleichtert, ihr verschlafenes, verknittertes Frauchen nicht mehr im Blick zu haben.
“Heute mache ich auf jeden Fall einen Lauf. Und die Wäsche. Ich muss bügeln und staubsaugen, wenigstens ein paar Seiten schreiben …” . Mein ipad kommt dazwischen. Das Farmspiel.
Statt endlich die Schuhe zu schnüren, das Bügeleisen in Gang zu bringen oder wenigstens zwei Sätze aufs Papier zu bringen, pflanze ich Erdbeeren, gieße die virtuellen Pflanzen anderer, wildfremder Farmer und rege mich danach über die Oberflächlickeit und Dummheit kommentierender Facebook- und -Co.-Nutzer auf. Gleich darauf gebe ich selbst überflüssigen Schwachsinn zum Besten.
Ja, heute dümpele ich an genau der Oberfläche herum, die ich so verabscheue. Heute gehöre ich zu denen, die ich kritisiere und mit Zynismus überschütte. Heute besteht keine Gefahr für mich, Tiefgründiges zu schürfen.
Es ist Daddeltag. Ein Tag, an dem mein eigenes Grau so schrill in den Vordergrund tritt, dass es mich fast erblinden lässt. Aber eben nur fast, denn sonst hätte ich meinen Hintern schon längst bewegt.
Und Morgen? Ist wahrscheinlich ein neuer Tag. Aber bestimmt keiner, den ich verddadele
Daddeltage
Ein langer Lauf
“Über 40.000 Läufer gingen an den Start. Die Sonne gab ihr Bestes und ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Die Siegessäule strahlte und schien dabei gleichzeitig ein zynisches Grinsen an den Tag zu legen.
Sie kontrollierte ihre Startnummer und die Schnürsenkel ihrer Asics, rückte ihre Sonnenbrille zurecht und zog ihr Käppi tiefer ins Gesicht. Peter schob seine Hand in ihre und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie sah geradeaus. Der Startschuss fiel. „Das wird mörderisch heiß“, sagte sie zu ihm, „aber wir behalten die 4.15 im Auge, okay?“ Er nickte, schwieg und schluckte.
Spätestens im Ziel würde sie ihm reinen Wein einschenken und ihren Weg allein weiter gehen. Schon oft hatte sie während eines Laufes Ballast symbolisch in die Büsche geworfen. Warum nicht auch eine Affäre auf diese Art und Weise entsorgen? Es war sonnenklar, dass sie Peter nicht liebte, sie war noch nicht einmal verliebt in ihn gewesen.
Nach drei Kilometern hatte sie ihre „Flughöhe“ erreicht und den Pacemaker mit dem gelben 4.00-Stunden-Ballon im Blick.
„Du willst, dass wir uns trennen, stimmt’s?“ fragte er leise und stoßweise.
Sein Atem ging extrem schnell. Der Schweiß strömte ihm über das Gesicht. Sie schaute auf ihre Uhr und keuchte zurück: „Ich will laufen. Erstmal. Sonst nichts.“
Die jubelnden Zuschauermassen am Straßenrand, die Sambatrommeln, die Bands, das alles war ihr lästig. Peter lief schweigsam neben ihr her wie ein Hund mit hechelnder Zunge bereit, der Treue zu seinem Herrn Tribut zu zollen. Bis in den Tod.
Nach einer Stunde passierten sie die 10-Kilometer-Marke …” aus: April Punk






