Archive for April, 2010

April 26th, 2010

Hermannslauf: Vom Schmerz einer Nichtstarterin

by Christine

Foto: privat

Das Risiko, beim diesjährigen Hermann nicht an den Start gehen zu können, stieg bereits Mitte der Woche, als die Temperaturen begannen, nach oben zu klettern. Mein Kopf fing an zu hämmern und die letzten lockeren Runden fielen dem Kopfschmerz zum Opfer.
Am Freitag ging es dann rapide bergab mit meiner Gesundheit und ich verbrachte den Tag mit kühlenden Umschlägen und einem Eimer neben dem Bett im Halbdunkel meines Schlafzimmers.
Am Samstagmorgen sah die Welt schon wieder viel besser aus und ich war mir sicher, dass ich es nach einer weiteren regenerierenden Nacht durchaus wagen könnte, an den Start zu gehen.
Doch die Nacht war nicht auf meiner Seite, ein weiterer Migräneanfall folgte. Trotzdem dachte ich in meinen Schmerz hinein, dass ich, wenn ich am nächsten Morgen in der Lage sein würde, aufrecht zu stehen ohne das Gefühl von Pudding in den Knien zu haben, an den Start gehen zu können.

Nein. Auch der frühe Morgen des Hermannslauftages begann mit hämmernden und bohrenden Schmerzen, die jedem noch so starken Schmerzmittel die Stirn boten.

Der Hermann ist ein anspruchvoller Lauf. Er fordert jede Menge Kraft und Biss. Er tut zuweilen richtig weh und zwingt in die Knie. Und trotzdem: Als ich mit meinen Kopfschmerzen an der Promenade stand und die Läufer des Mittelfeldes, also diejenigen, die um die drei bis dreienhalb Stunden auf der Uhr und in den Knochen haben, wenn die Zuschauer sie auf den letzten 700 Metern in Empfang nehmen sah, heulte ich wie ein Schlosshund. Und ich hatte Sehnsucht nach genau diesem Gefühl. Dieser Mischung aus Stolz, Erschöpfung und Schmerz.

Heute, am Montag danach, dem Tag, an dem auch die anderen, die “wollten-und-nicht-konnten” ihre Wunden lecken, wird mir klar, wie leidenschaftlich ich am Laufen hänge.

Und das ist eine schöne Erkenntnis!

Nach dem Hermann ist vor dem Hermann. Ob es, er, sie nun lief oder ging oder zusehen musste.
Es geht wieder los. Und vielleicht brauchte es diese schmerzliche Erfahrung, um den wahren Wert der Dinge, die am Herzen liegen, wieder zu erkennen und neu schätzen zu lernen.

“Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.” (Ernst Bloch)

In diesem Sinne: Der Trainigsplan für die kommenden sechs Monate ist geschrieben und neue Ziele in Angriff genommen. Der Hermann 2011 in seiner vierzigsten Auflage kann also kommen.

Tags: Liebe
April 15th, 2010

Leben: Der Flügge und Käsekuchen mit Sommersprossen

by Christine

Lebenlauf

Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass es mich so „ruppt“. Schließlich konnte ich mich mehr als zwanzig Jahre auf diesen Tag vorbereiten. Jetzt sitze ich hier und heule mir die Augen rot und faltig. Und ich spüre die Sehnsucht nach einem Schmerz, der im Vergleich zu dem, was ich jetzt durchmache wie ein leichtes Jucken erscheint. Wehenschmerz. Pah. Lappalie.

Der Flügge, so nenne ich den Zustand, in dem ich mich suhle. Eine verlassene Obermama, eine Glucke, die nicht loslassen kann?

Einmal Mama immer Mama. Aus der Nummer komme ich nicht mehr raus. Ja, ich bin traurig, dass meine erwachsenen Kinder nun nicht mehr jeden Tag mit am Tisch sitzen sondern ihr eigenes Leben in eigenen Vier Wänden leben und ich nicht mehr an jedem Zipperlein Anteil habe. Mit meinem ungefragten Rat werde ich nun anderweitig um mich schlagen müssen.
Ja, ich habe jetzt mehr Zeit für mich und vor allem meinen Ehemann und den Hund und das Laufen und das Schreiben.
Aber plötzlich ist mir das alles gar nicht mehr so wichtig und ich weiß gar nicht, was ich mit meiner neuen Freiheit anfangen soll. Mich plagt das Empty-Nest-Syndrom.

Wenn die Kinder ausziehen wird man von einem Tag auf den anderen ganz schön alt und weise. Die Selbstverständlichkeit zieht eine Grimasse und der Lebensrhythmus stellt sich auf den Kopf und grinst.

Angesichts der Flecken auf meinen Handrücken ist mir nicht nach Grinsen zumute. Bislang bezeichnete ich sie hartnäckig-liebevoll als Sommersprossen. Jetzt sind sie das, was sie sind: Mahnende Altersflecken und Zeugen der eigenen Vergänglichkeit!

Mitten hinein in dieses abgrundtiefe Selbstmitleid bricht eine Idee:
Käsekuchen. Ich sollte einen Käsekuchen backen.

Und ich habe einen Käsekuchen gebacken. Einfach so. Es ging ganz schnell. Alle Zutaten fand ich in unserer Küche, also in der Küche, die jetzt unter Verwaisung und ungewohnter Ordnung leidet. Keine Müslischalen mit Altkruste, keine Sammlung leerer Flaschen, keine Teller mit Nudelresten von vor drei Wochen, die meinen Plan durchkreuzten.

Jahrelang habe ich backen und kochen gehasst! Ich brauchte tagelange Vorbereitung, um die Zutaten für Nudeln mit Tomatensoße zu besorgen. Zutaten für einen Kuchen gar im Vorratsschrank zu haben lag fernab meiner Vorstellungskraft.

Drei Stück von dem frischen Kuchen habe ich gegessen.
Und dann schnürte ich die Laufschuhe und machte mich auf den Weg zu einem kurzen Tempolauf. Schon nach den ersten Metern war klar, dass Käsekuchen, so ein richtiger, mit viel Quark, etlichen Eiern und „guter“ Butter zwar dafür geeignet ist, das Einleben in neue Lebensphasen zu erleichtern. Als Imbiss vor einem Lauf ist davon jedenfalls ganz und gar abzuraten. Welch eine Überraschung!

Und angesichts solch unbedarften Verhaltens sind meine Altersflecken nun doch wieder schlichte Sommersprossen.

Tags: Liebe